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Brigitte Meyer-Tönjes ist Dipl. Sozialpädagogin und arbeitet seit 2002 in der donum vitae-Beratungsstelle Wildeshausen. Ihre Kollegin Teresa Enkemann ist Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin M.A. und seit 2024 bei donum vitae aktiv. Beide Beraterinnen haben eine Zusatzausbildung zur „Beraterin in der Schwangerschaftskonfliktberatung“. Zum Beratungsangebot gehören außerdem systemisch/lösungsorientierte Beratung für Frauen, Paare und Familien sowie Mediation (Hilfe in konkreten Konfliktsituationen). Finanziert durch die Rena-Schilling-Stiftung, bietet donum vitae Wildeshausen seit 2022 für Frauen in akuten psychischen Krisen die Möglichkeit zur Vermittlung von Krisenintervention bei einer Psychotherapeutin.
Für gewöhnlich kommen die Klientinnen in Eure Beratung, um ihre Fragen und Anliegen mit Euch in den Blick zu nehmen und weitere Schritte zu klären. Wann und wie habt Ihr in Eurer Beratungsarbeit bemerkt, dass hier noch etwas fehlt, dass es noch weitergehender Unterstützung bedarf?
Brigitte Meyer-Tönjes: „In der Zeit der Pandemie und auch danach ist uns aufgefallen, dass viele Frauen in unsere Beratung kamen, die psychisch wirklich sehr belastet waren. Wir können in der psychosozialen Beratung mit verschiedenen Methoden gute Unterstützung leisten – aber bei einigen Situationen und Bedarfen der Klientinnen kommen wir auch mit unseren Beratungskompetenzen an Grenzen. Wir können in der Beratung viel auffangen, aber manchmal braucht eine Klientin noch mehr.
Teresa Enkemann: „Wir bemerken in der allgemeinen Schwangerschaftsberatung bei einigen Klientinnen, dass unsere Mittel in der Beratung sozusagen ausgeschöpft sind – dass hier im Grunde eine Krisenintervention notwendig ist, die wir als Beratungsfachkräfte nicht leisten können. Es ist jedoch unglaublich schwierig bis unmöglich, kurzfristig einen Therapieplatz zu bekommen, wenn man psychisch belastet ist.“
Was können das für Anlässe sein, in denen eine weitergehende psychologische Unterstützung erforderlich ist?
Teresa Enkemann: „Einige Frauen hatten zum Beispiel bereits eine oder mehrere Fehlgeburten oder eine sehr traumatische Geburt. Wenn dann eine erneute Schwangerschaft eintritt, kann diese mit vielen Ängsten verbunden sein.“
Brigitte Meyer-Tönjes: „Es gibt Frauen, die uns im Gespräch mitteilen, dass sie aufgrund von Depressionen, Angststörungen oder Panikattacken in Behandlung waren oder bei denen eine solche diagnostiziert worden ist. Wenn auf diese psychische Unsicherheit noch eine Schwangerschaft trifft, die ja auch mit vielen Ängsten, Sorgen und Nöten verbunden sein kann – auch bei psychisch stabilen Frauen –, wird es manchmal einfach zu viel. Die Frauen sagen dann oft schon selbst: `Das schaffe ich einfach nicht!´ Die Schwangerschaft ist dann mitunter wie ein Auslöser, um eine schon vorher existierende psychische Erkrankung neu anzugehen.“
Teresa Enkemann: „Neben den eben genannten waren auch folgende Problematiken Anlässe für eine weitergehende psychologische Hilfe: häusliche Gewalterlebnisse und Stalking des Ex-Partners, Trennung vom Partner, Erschöpfungszustand nach der Trennung, keine Unterstützung des Partners während der Schwangerschaft und nach der Geburt, Verarbeitung der Affaire des Partners, Termine mit dem Jugendamt bzgl. Versorgung der Kinder.“
Wie kam es zur Kooperation mit der Rena-Schilling-Stiftung?
Teresa Enkemann: „Die Rena-Schilling-Stiftung ist eine Stiftung hier aus Wildeshausen, die in Not geratenen Müttern – vor allem alleinerziehenden – und ihren Kindern helfen möchte. Die Unterstützung erfolgt individuell auf die Bedürfnisse der Frauen zugeschnitten. Diese Stiftung ist nach ihrer Gründung 2021 hier in Wildeshausen auf verschiedene soziale Einrichtungen zugegangen und hat ihr Interesse an einer Kooperation signalisiert. So hat sich die Stiftung auch an uns und unsere Beratungsstelle gewandt und ihre finanzielle Unterstützung angeboten. Gemeinsam haben wir überlegt, welches zusätzliche Unterstützungsangebot wir in einer Kooperation mit der Stiftung aufbauen könnten, und haben den akuten Bedarf an Krisenintervention für Schwangere in psychisch belastenden Situationen gesehen.“
Wie funktioniert die Kooperation mit der Stiftung?
Teresa Enkemann: „Eigentlich sind es sogar zwei Kooperationen: In unserem Fachteam gibt es neben einer Gynäkologin und einer Juristin auch eine Psychologin. Die Psychologin hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, kurzfristig Termine vorzuhalten, um einer Klientin in einer akuten psychischen Krise bis zu fünf therapeutische Sitzungen anbieten zu können.“
Brigitte Meyer-Tönjes: „Besonders seit der Pandemie ist es extrem schwer geworden, einen Therapeuten oder eine Therapeutin zu finden, bei der man nicht mindestens ein halbes Jahr auf einen Termin warten muss. Die Psychotherapeutin aus unserem Team hat eine eigene Praxis hier vor Ort. Durch die Verbindung zu ihr konnten wir die Herausforderung, kurzfristige Termine zur Krisenintervention zu erhalten, bewältigen. Es blieb nun noch die Herausforderung der Finanzierung. Unsere Klientinnen können die Therapiesitzungen nicht aus eigenen Mitteln zahlen. Hier unterstützt als zweiter Kooperationspartner die Rena-Schilling-Stiftung: Jedes Jahr erhalten wir von der Stiftung eine feste Summe, die wir zur Finanzierung der Kriseninterventions-Sitzungen nutzen können.“
Wie erfolgt die Vermittlung in der Praxis?
Brigitte Meyer-Tönjes: „Im Beratungsgespräch mit einer Klientin stellen wir den Bedarf nach einer weitergehenden psychologischen Unterstützung fest. Für gewöhnlich kann innerhalb von zwei Wochen der erste Termin zur Krisenintervention stattfinden. Wir informieren die Klientin über das Angebot der Krisenintervention und geben die Kontaktdaten der Psychologin an sie weiter. Alle weiteren Schritte erfolgen dann zwischen der Klientin und der Psychologin. Manche Klientinnen wenden sich nochmals an uns und berichten, dass sie Kontakt aufgenommen haben, andere nicht. Die Psychologin schickt ihre Rechnungen über die erfolgten Sitzungen an unsere Beratungsstelle, natürlich ohne Namen und Angaben zu den Klientinnen. Diese Rechnungen bezahlen wir und reichen sie im Anschluss an die Rena-Schilling-Stiftung weiter, die uns die Kosten als Spende erstattet. Die Stiftungsgelder reichen aus, um pro Jahr zwölf Klientinnen an die Krisenintervention zu vermitteln. Das passte mit Blick auf die vergangenen drei Jahre gut – wir schöpfen die Mittel jedes Jahr aus.“
Teresa Enkemann: „Das Angebot ist bewusst als Krisenintervention gedacht, daher haben wir die Finanzierung von fünf Sitzungen pro Klientin festgelegt. Es geht um die Bewältigung der akuten Krise. Die Psychologin hat bei Bedarf die Möglichkeit, an weitere Therapieangebote zu übergeben. Nach unseren Erfahrungen sind die fünf Sitzungen ein passendes Angebot in der akuten Krise und sehr hilfreich für die Frauen.“
Bekommt Ihr Rückmeldungen von den Frauen, wie es ihnen nach der Krisenintervention geht?
Brigitte Meyer-Tönjes: „Die Rückmeldungen von den Frauen, zu denen wir weitergehenden Kontakt haben, sind durchweg positiv: ´Das hat mir richtig gut getan.`, ´Ich fühle mich jetzt sicherer in meiner neuen Rolle als Schwangere.` Die Vermittlung zur Krisenintervention ist für uns ein wichtiger und wertvoller Beitrag zur Begleitung der Klientinnen. Auch unsere anderen Netzwerkpartnerinnen in der Region Wildeshausen wissen von unserem Angebot und verweisen mitunter auch an uns.“
Wie schätzt Ihr zukünftig den Bedarf an Krisenintervention für Schwangere in psychischen Krisen ein?
Teresa Enkemann: „Gerade findet eine Art Enttabuisierung statt, es wächst die Erkenntnis: Nicht jede Schwangere ist glücklich. Das Thema postpartale Depressionen wird zum Beispiel in der Öffentlichkeit verstärkt wahrgenommen, es wird darüber geredet. Dazu gehören auch die mitunter zu hohen Ansprüche einer werdenden Mutter an sich selbst und ihre zukünftige Rolle. In diesem Zusammenhang denken wir auch an die Frauen mit Fluchterfahrung, die ihr familiäres und soziales Netzwerk verloren haben und hier einsam sind. Das alles sind besonders herausfordernde Situationen, in denen eine psychische Krise entstehen kann. Wir machen hier erste Schritte, um Bedarfe zu erkennen und Hilfe und Unterstützung in psychischen Krisen in die Wege zu leiten. Das müssen wir auch zukünftig gut in den Blick nehmen.“
Brigitte Meyer-Tönjes: „Daher ist die Zusammenarbeit mit der Rena-Schilling-Stiftung so entlastend für uns, denn wir können sehr unkompliziert und niedrigschwellig ein wirklich wirksames Angebot vermitteln. Mit der Stiftung sind wir eng im persönlichen Austausch und informieren regelmäßig über unsere Arbeit. Für diese Kooperation sind wir sehr dankbar.“
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