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Angelique Rieken-Grom ist Sozialarbeiterin (B.A.) und seit 2020 beim donum vitae Regionalverband Hohenzollern in der Schwangerschafts(konflikt)beratung tätig. In ihre Beratung kommen Frauen und Paare, die ihr Kind in der Frühschwangerschaft verloren haben und die sich eine Begleitung in ihrer Trauer wünschen. Hier berichtet die Beraterin aus der Trauerbegleitung eines Ehepaars nach zwei Fehlgeburten.
Heute treffe ich das Ehepaar Wallner zum zweiten Mal. Frau Wallner arbeitet als Kunsttherapeutin, ihr Mann ist an der Börse beschäftigt. Ich erlebe zwei Menschen, die voll im Leben stehen, kleine und große Sorgen von sich und ihren Mitmenschen kennen und die schon zwei Kinder im Alter von sechs und drei Jahren haben. Das Paar hatte schon länger das Gefühl, erst mit einem dritten Kind als Familie komplett zu sein, und deshalb die Verhütung eingestellt. Bereits zweimal waren die Wallners voller Vorfreude, haben jedoch nach kurzer Zeit Abschied nehmen müssen. Die erste Schwangerschaft dauerte elf, die zweite nur fünf Wochen. Beide Fehlgeburten waren für das Paar emotional stark belastend, insbesondere für Frau Wallner, bei der sich die Trauer zunehmend in Form von Erschöpfung und Antriebslosigkeit äußerte. Im ersten Beratungsgespräch erzählten Herr und Frau Wallner von ihrer Freude über die Schwangerschaften und vom schmerzhaften Ende. Besonders Frau Wallner sprach viel über die körperlichen Schmerzen und ihr Erleben der Fehlgeburten. Ihre Beschreibungen der Verlusterfahrungen machten deutlich, wie sehr sie unter einem Gefühl des Kontrollverlusts leidet.
Herr Wallner eröffnet das Gespräch und erzählt zunächst vom Alltag mit den beiden Kitakindern und der Arbeit. Immer wieder sucht er Blickkontakt zu seiner Frau und bindet sie in das Gespräch ein. Ich lenke das Gespräch behutsam, aber gezielt auf die beiden Fehlgeburten und die Trauer über den Verlust. Gemeinsam blicken wir darauf, wie Herr und Frau Wallner aktuell ihren Alltag und ihre Arbeit gestalten und ob ihre Trauer einen Platz darin hat. Es zeigt sich, dass Trauer, Selbstzweifel und unausgesprochene Ängste im Alltag des Paares einen prägenden, bislang jedoch wenig aufgearbeiteten Raum einnehmen. Ich ermutige die beiden, sich Zeit für sich allein und für sich als Paar zu nehmen, und bestärke sie darin, ihrer Trauer Raum zu geben sowie gemeinsame Rituale zu entwickeln.
Bereits in unserem ersten Gespräch habe ich den Wunsch des Paars nach einer weiteren Schwangerschaft, aber auch ihre Angst vor einem erneuten Verlust wahrgenommen. Heute sprechen wir über gute Voraussetzungen und Gelingensbedingungen – und vor allem darüber, sich erst einmal Zeit für den Abschied und die Trauer zu nehmen und die Erinnerung an die Fehlgeburten in den Alltag zu integrieren. So können wir in einem weiteren Schritt gemeinsam Ideen für die Zukunft sammeln: sich mehr Raum und Zeit für Freude und kleine Glücksmomente im Alltag nehmen, Abende als Paar genießen, sich Zeit ganz für sich allein nehmen. Die beiden entwickeln jetzt auch etwas abenteuerlichere Ideen: einen Monat Urlaub machen, bevor der Große in die Schule kommt, Klettertouren unternehmen, viel Zeit mit der Familie verbringen.
Wir sprechen über Erwartungen und Ängste und die Wünsche der beiden für den gemeinsamen Alltag. Für das kommende Jahr nehmen sich Herr und Frau Wallner vor, sich nicht auf die Planung einer erneuten Schwangerschaft zu fokussieren, sondern Kraft zu schöpfen und im Gespräch miteinander Wege für die Zukunft zu finden.
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