donum vitae EINBLICK
März 2026

Editorial

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist nicht vorgesehen – und doch passiert es: Das Herz eines ungeborenen Kindes hört noch während der Schwangerschaft auf zu schlagen. Selbst in einem Bereich, der eigentlich von Freude und Hoffnungen geprägt sein sollte – wie bei einer Schwangerschaft –, kann es zu Verlusten und überwältigender Trauer kommen. Ein Kind, das in der Frühschwangerschaft geht – oft als „Fehlgeburt“ bezeichnet –, hinterlässt eine Lücke, noch bevor jemand es sehen oder halten konnte. Rollenbilder und gesellschaftliche Erwartungen erschweren es vielen, offen über ihren Schmerz zu sprechen oder Hilfe anzunehmen. Für Außenstehende ist die Trauer meistens kaum sichtbar. In der Begleitung von Menschen, die einen solchen Verlust erleben, zeigt sich, wie individuell, komplex und häufig auch einsam Trauer in diesen Lebensphasen sein kann.

Psychosoziale Beratung bei donum vitae übernimmt hier eine zentrale Rolle: Je nach Situation und Bedarf stehen die Berater*innen den Betroffenen zur Seite – kostenlos und vertraulich. Ihre Aufgaben umfassen die Begleitung in Krisensituationen, Informationsvermittlung zu rechtlichen und medizinischen Fragen sowie psychosoziale Unterstützung bei Entscheidungsprozessen. Sie sind somit wichtige Anlaufstellen, um Betroffenen in ihrer individuellen Trauer Raum, Verständnis und Orientierung zu geben.

In dieser Ausgabe des „donum vitae Einblick“ nehmen wir Sie wieder mit in unseren Beratungsalltag: Eine Beraterin aus Baden-Württemberg zeichnet für uns den Prozess der psychosozialen Beratung und Begleitung eines Paares nach mehreren Fehlgeburten nach und lässt uns an der Trauer und dem Abschiednehmen teilhaben.

Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserer Arbeit und wünschen eine gute Lektüre!


Herzliche Grüße aus der Bundesgeschäftsstelle

Annika Koch
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation

Begleitung bei Verlust und Trauer
in der Frühschwangerschaft

Angelique Rieken-Grom ist Sozialarbeiterin (B.A.) und seit 2020 beim donum vitae Regionalverband Hohenzollern in der Schwangerschafts(konflikt)beratung tätig. In ihre Beratung kommen Frauen und Paare, die ihr Kind in der Frühschwangerschaft verloren haben und die sich eine Begleitung in ihrer Trauer wünschen. Hier berichtet die Beraterin aus der Trauerbegleitung eines Ehepaars nach zwei Fehlgeburten.

Heute treffe ich das Ehepaar Wallner zum zweiten Mal. Frau Wallner arbeitet als Kunsttherapeutin, ihr Mann ist an der Börse beschäftigt. Ich erlebe zwei Menschen, die voll im Leben stehen, kleine und große Sorgen von sich und ihren Mitmenschen kennen und die schon zwei Kinder im Alter von sechs und drei Jahren haben. Das Paar hatte schon länger das Gefühl, erst mit einem dritten Kind als Familie komplett zu sein, und deshalb die Verhütung eingestellt. Bereits zweimal waren die Wallners voller Vorfreude, haben jedoch nach kurzer Zeit Abschied nehmen müssen. Die erste Schwangerschaft dauerte elf, die zweite nur fünf Wochen. Beide Fehlgeburten waren für das Paar emotional stark belastend, insbesondere für Frau Wallner, bei der sich die Trauer zunehmend in Form von Erschöpfung und Antriebslosigkeit äußerte. Im ersten Beratungsgespräch erzählten Herr und Frau Wallner von ihrer Freude über die Schwangerschaften und vom schmerzhaften Ende. Besonders Frau Wallner sprach viel über die körperlichen Schmerzen und ihr Erleben der Fehlgeburten. Ihre Beschreibungen der Verlusterfahrungen machten deutlich, wie sehr sie unter einem Gefühl des Kontrollverlusts leidet.

Herr Wallner eröffnet das Gespräch und erzählt zunächst vom Alltag mit den beiden Kitakindern und der Arbeit. Immer wieder sucht er Blickkontakt zu seiner Frau und bindet sie in das Gespräch ein. Ich lenke das Gespräch behutsam, aber gezielt auf die beiden Fehlgeburten und die Trauer über den Verlust. Gemeinsam blicken wir darauf, wie Herr und Frau Wallner aktuell ihren Alltag und ihre Arbeit gestalten und ob ihre Trauer einen Platz darin hat. Es zeigt sich, dass Trauer, Selbstzweifel und unausgesprochene Ängste im Alltag des Paares einen prägenden, bislang jedoch wenig aufgearbeiteten Raum einnehmen. Ich ermutige die beiden, sich Zeit für sich allein und für sich als Paar zu nehmen, und bestärke sie darin, ihrer Trauer Raum zu geben sowie gemeinsame Rituale zu entwickeln.

Bereits in unserem ersten Gespräch habe ich den Wunsch des Paars nach einer weiteren Schwangerschaft, aber auch ihre Angst vor einem erneuten Verlust wahrgenommen. Heute sprechen wir über gute Voraussetzungen und Gelingensbedingungen – und vor allem darüber, sich erst einmal Zeit für den Abschied und die Trauer zu nehmen und die Erinnerung an die Fehlgeburten in den Alltag zu integrieren. So können wir in einem weiteren Schritt gemeinsam Ideen für die Zukunft sammeln: sich mehr Raum und Zeit für Freude und kleine Glücksmomente im Alltag nehmen, Abende als Paar genießen, sich Zeit ganz für sich allein nehmen. Die beiden entwickeln jetzt auch etwas abenteuerlichere Ideen: einen Monat Urlaub machen, bevor der Große in die Schule kommt, Klettertouren unternehmen, viel Zeit mit der Familie verbringen.

Wir sprechen über Erwartungen und Ängste und die Wünsche der beiden für den gemeinsamen Alltag. Für das kommende Jahr nehmen sich Herr und Frau Wallner vor, sich nicht auf die Planung einer erneuten Schwangerschaft zu fokussieren, sondern Kraft zu schöpfen und im Gespräch miteinander Wege für die Zukunft zu finden.

Sie möchten mehr lesen?

Alle Ausgaben vom „donum vitae Einblick“ finden Sie auf unserer Homepage. Verschiedene Ausgaben mit Interviews, Reportagen und Projektvorstellungen haben wir zusätzlich als gestaltete PDF-Publikationen veröffentlicht.

Ihre Spende zählt!

Ein offenes Ohr in der Not ist unbezahlbar. Unsere Beratungsarbeit wird zum Teil aus öffentlichen Mitteln finanziert. Zugleich sind wir auf Ihre Spenden angewiesen.

Wir freuen uns, wenn Sie unsere Beratungsarbeit mit Ihrer Spende unterstützen.