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Ende 2025 startete das Bundesfamilienministerium die Kampagne „Mach dich fit gegen Einsamkeit!“. Das Thema hat spätestens seit der Corona-Pandemie verstärkte Aufmerksamkeit in der Politik erfahren. Die (notwendigen) Kontaktbeschränkungen führten in der gesamten Bevölkerung zu bedrückender Isolation, die auch nach Aufhebung aller Schutzmaßnahmen nicht mehr gänzlich zu lösen war. Mit der bundesweiten Kampagne rückt man der Einsamkeit nun engagiert zu Leibe.
Einsamkeit – ein Thema für junge Eltern und Familien? Sicher nicht, denkt man in einem ersten Reflex. Einsam, das sind ältere oder kranke Menschen. Menschen, die eben keine Familie (mehr) haben. Aber wo Kinder sind, da tobt doch das Leben!
Nicht immer erscheint der Alltag mit einem Baby so traumhaft. Schlafmangel, die alltäglichen kleinen und großen Herausforderungen und auch der Verlust des bisherigen selbstbestimmten Lebens, der Berufstätigkeit, vielleicht auch des Freundeskreises führen vor allem die Mütter in bislang unbekannte Einsamkeit. Auch für Frauen in sicheren sozialen, finanziellen und familiären Verhältnissen kann die Überwindung von Isolation und Überforderung zur Herausforderung werden. Doch was ist, wenn das soziale Netz nicht trägt oder gar nicht existiert?
„Wir alle brauchen soziale Kontakte und Unterstützung. Jemanden, der uns den Rücken stärkt und der uns aufmuntert oder das Kind zeitweise übernimmt. Und wir brauchen Ziele!“
Das Mutterwerden und die damit verbundene Elternzeit können sehr schöne und prägende Jahre in der Eltern-Kind-Beziehung sein. Diese Zeit bietet nicht nur die Möglichkeit, eine starke Bindung zwischen Mutter und Kind aufzubauen, sondern ist oft auch unverzichtbar, da Betreuungsmöglichkeiten für Kinder in diesem Alter häufig fehlen, ganz besonders in ländlichen Gegenden. Doch eine so lange Phase birgt ohne vielfältige soziale Kontakte gerade für junge und häufig alleinerziehende Mütter die Gefahr, dass sie ihre Zukunftsperspektiven aus den Augen verlieren. Um diese jungen Frauen zu unterstützen, hat der donum vitae Kreisverband Wesermarsch im Jahr 2012 erstmalig das Projekt der Müttergruppe „Den eigenen Lebenstraum nicht verlieren“ ins Leben gerufen. Die Idee zur Gründung der Müttergruppe reicht sogar noch länger als 2012 zurück und ist sehr eng mit der persönlichen Initiative der Diplom Pädagogin und Diplom Sonderpädagogin Mechthild Frenking verbunden. Sie leitet die Beratungsstelle von donum vitae und bringt viel Erfahrung in der Beratung und Begleitung von alleinerziehenden Müttern, viele davon auch im Bürgergeldbezug, mit.
„Bei meinem früheren Arbeitgeber habe ich eine Maßnahme für Frauen zwischen 42 und 48 Jahren geleitet, die nach einem langen Zeitraum im Sozialhilfebezug im Rahmen eines Projektes in Arbeit geführt werden sollten. Alle Frauen hatten Kinder, lebten in ländlicher Gegend mit schlechter Verkehrsanbindung und waren sozial sehr isoliert“, berichtet Mechthild Frenking. „Meine Aufgabe war es, die Frauen im Prozess der Arbeitssuche und auf dem Weg in Arbeit zu beraten und zu begleiten. Ich habe gemerkt, dass mit dem (Wieder-)Einstieg in Berufstätigkeit auch das Selbstbewusstsein der Frauen stieg. Da ist mir schon klar geworden: Die Jahre der Elternzeit sind eine wichtige Zeit für die Mütter und die Kinder – aber es ist auch eine lange Zeit, in der Ressourcen und Potenziale verloren gehen können, wenn man sozial und familiär nicht gut angebunden ist. Als ich hier in der Wesermarsch meine Arbeit bei donum vitae begonnen habe, habe ich viele junge Schwangere und Mütter in der Beratung erlebt. Einige von ihnen waren ungewollt schwanger geworden, kamen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, mit Gewalterfahrungen in der Partnerschaft oder waren einfach junge Alleinerziehende. Um diese Frauen haben wir uns in der Beratung sehr bemüht, haben sie immer wieder zu Gesprächen eingeladen und mit ihnen die Förder- und Spendenanträge besprochen oder Widersprüche auf Bescheide vom Jobcenter eingereicht und konnten darüber im Laufe der Zeit viel Vertrauen bei den Frauen aufbauen.“
Auf der Grundlage der Erfahrungen bei ihrem früheren Arbeitgeber und der ersten positiven Entwicklungen in der Beratungsarbeit junger Frauen und Mütter bei donum vitae hat Mechthild Frenking im Jahr 2012 ein Konzept für eine Müttergruppe in den ersten drei Jahren der Elternzeit entwickelt. Das Jobcenter erklärte sich 2015 bereit, das Projekt gemeinsam mit dem Landkreis zu finanzieren und in Kooperation mit der Kreisvolkshochschule (KVHS) Brake durchzuführen. Die Finanzierung einer sozialpädagogischen Fachkraft mit 19 Stunden und zwei fachliche Anleiterinnen für Gesundheitsorientierung und Berufsorientierung mit jeweils 5 Stunden sowie zehn Teilnehmerinnen pro Gruppe erfolgt über das SGB III (Heranführung an Ausbildung und Arbeitsmarkt sowie Verringerung oder Beseitigung von Vermittlungshemmnissen) in einer einjährigen Maßnahme mit der Option auf Verlängerung für weitere zwei Jahre. Die ersten drei Lebensjahre des Kindes sind die Mütter in Elternzeit, danach kann das Jobcenter ihnen Angebote auf dem Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt machen. Bis dahin sind die Angebote freiwillig – so auch die Müttergruppe. „Wir sind sehr froh, dass wir diese frühe Maßnahme haben“, erklärt Mechthild Frenking. „Die Müttergruppe ist für Schwangere oder Mütter mit kleinen Kindern bis zu einem Alter von 27 Jahren vorgesehen. Wenn wir die Frauen unterstützen und sie hier bei uns Vertrauen finden, wenn wir gemeinsam Ressourcen klären, dann können die Frauen eigene Ziele in den Blick nehmen. Wir warten damit nicht, bis die Kinder drei Jahre alt sind. Die frühe Stärkung und Begleitung sind enorm wichtig – und das ist die Idee hinter dem Projekt.“
Jule van Bevern leitet die Müttergruppe seit Januar 2025. Die Rehabilitationspädagogin übernimmt im Projekt den sozialpädagogischen Gruppenanteil sowie die Einzelbetreuung der Klientinnen. Eine Kollegin von der KVHS bietet flankierend für die Gruppe einen Workshop zur Berufsorientierung ebenfalls wöchentlich an. „Zu unserem Glück ist die KVHS direkt gegenüber, das sind sehr kurze Wege für die Frauen“, erläutert Jule van Bevern. Hier gibt es auch einen Raum für die Kinderbetreuung. „Wir sehen das zum einen als Entlastung während der Gruppenangebote, zum anderen ist das natürlich ein erster Einstieg, das Kind auch mal abzugeben und von anderen Personen betreuen zu lassen.“ In der Gruppe sehen sich die Frauen zweimal pro Woche. Hier geht es im Schwerpunkt um die Themen Gesundheitsorientierung, Stärkung sozialer Kompetenzen, individuelle Ressourcenförderung sowie Vernetzung und Vorbeugung sozialer Isolation. „Beispiele für Themen in den sozialpädagogischen Workshops sind Achtsamkeit, Selbstfürsorge, Umgang mit Stress, Finanzen, gesunde Ernährung, Sport im Alltag, Mobilität, politische Bildung, Erziehung, Kinderschutz und Kinderrechte“, zählt Jule van Bevern auf. „Und wir verbringen eine gute Zeit in Gemeinschaft. Wir machen Ausflüge, kochen und basteln. Auch ein Erste-Hilfe-Kurs am Kind hat schon stattgefunden.“ Bei spezifischen Themen wird der Kontakt zu anderen Beratungsangeboten vermittelt. Der Großteil der Zeit bleibt für die Einzelgespräche mit den Frauen: „Wenn bei einer Frau individuelle Probleme bestehen, bis hin zu psychischen Krisen, kümmere ich mich um die Stabilisierung und Vermittlung zu den Familienhilfen oder anderen Diensten“, informiert Jule van Bevern. „Wir schauen gemeinsam Stück für Stück, was akut ansteht, wie es weitergehen kann, welche Perspektiven die Frau entwickeln kann – sowohl persönlich als auch schulisch oder beruflich.“ Eine wichtige Grundlage dafür ist die Frage der Kinderbetreuung. „Das ist besonders hier im ländlichen Raum eine Herausforderung“, erläutert Jule van Bevern. Die zum Teil weiten Wege zwischen Wohnort, Kinderbetreuung und möglicher Arbeitsstätte müssen berücksichtigt werden und dürfen nicht zur Abwärtsspirale führen. „Deshalb ist es so wichtig, dass wir frühzeitig mit der Planung und Organisation beginnen.“
Eine große Motivation für die Gruppe ist das Angebot der sozialen Vernetzung. „Für die jungen Frauen ist es besonders wichtig, andere Frauen in ähnlicher Situation kennenzulernen und neue Kontakte zu knüpfen“, berichtet Jule van Bevern. Durch die frühe Schwangerschaft und die drei Jahre Elternzeit gehen viele bisherige soziale Kontakte verloren. „Das geht mit enormer sozialer Isolation einher: Bisherige Freunde machen die Schule weiter oder gehen arbeiten. Die jungen Mütter stehen plötzlich allein da, mitunter auch ohne den Vater des Kindes. Wenn es kein stabiles familiäres Umfeld gibt, sind die Mütter teilweise drei Jahre allein mit ihrem Kind. Durch die Gruppe und das Kennenlernen von Frauen mit ähnlichen Erfahrungen entsteht eine neue Gemeinschaft.“ Einige Frauen unternehmen jenseits der Gruppe auch privat etwas zusammen und unterstützen sich gegenseitig.
Niedrigschwellige Hilfe, die ankommt – damit neue Lebenswege beginnen können
Jule van Bevern bietet auch Hausbesuche bei den Klientinnen an, auch wenn der Großteil der Maßnahme in der Beratungsstelle bzw. bei der KVHS stattfindet. „Bei akuten Krisen oder bei Mobilitätsproblemen finden wir Wege, schnell ins Gespräch zu gehen und Unterstützung zu geben“, sagt Jule van Bevern. Für die Frauen ist sie schnell und unkompliziert zu erreichen – und vermittelt je nach Bedarf auch weitere Hilfen.
„Die Gruppe ist zu einem bedeutenden Teil meines Lebens geworden“, berichtet Alicia, eine Teilnehmerin der Müttergruppe. „Nachdem meine Tochter zur Welt gekommen war, habe ich eine schwere Zeit durchlebt und wusste zeitweise nicht mehr, wie es weitergehen sollte. In dieser Situation habe ich mich an Jule van Bevern gewandt. Mein Anliegen wurde sofort ernst genommen. Gemeinsam mit Mechthild Frenking hat sie innerhalb kürzester Zeit Termine für mich organisiert, unter anderem beim sozialpsychiatrischen Dienst (SPDi) hier in Brake.“ Für Alicia war die unkomplizierte und schnelle Hilfe eine enorme Unterstützung in der Krise. „Ohne diese Unterstützung, ohne das Engagement und die Herzlichkeit von allen im Team würde es mir heute nicht so gut gehen, und dafür bin ich unendlich dankbar.“
In der Müttergruppe gibt es ein stetes Kommen und Gehen – je nachdem, wie lange die Frauen in der Elternzeit sind, längstens bis zum dritten Lebensjahr des Kindes. „Aber auch nach Beendigung der Maßnahme kommen die Frauen manchmal zu uns in die Beratungsstelle“, berichtet Mechthild Frenking. Irgendwann wird der Kontakt seltener, bis er aufhört. „Ich sehe die Frauen auch mal in meiner Mittagspause, wenn ich draußen unterwegs bin und sie zufällig bei ihrer Arbeitsstelle treffe.“ Auch Jule van Bevern weiß, wie sehr die Frauen das Angebot von donum vitae schätzen: „Die häufigste Antwort auf Fragen zu unserem Angebot lautet: `Hier ist immer jemand da und kümmert sich auch in akuten Belastungssituationen ohne viele Fragen um mich oder mein Kind´. Die Frauen dürfen sich darauf verlassen, dass sie nicht allein mit ihren Problemen bleiben. Wir möchten sie aus der Isolation holen.“
Alicia fasst zusammen, welche Bereicherung die Müttergruppe und auch die Kolleginnen aus der Beratungsstelle für sie waren: „donum vitae ist eine Anlaufstelle für Mütter, Väter und werdende Eltern. Aber donum vitae ist noch viel mehr: Es ist ein Ort, an dem man ernst genommen wird. Ein Ort, an dem man nicht allein ist. Und ein Ort, an dem Hilfe nicht nur organisatorisch, sondern auch menschlich ankommt.“
Text: Annika Koch, donum vitae e.V.
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